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Gero von Boehm begegnet… Michael Haneke

07.07.2008, 22.25, 3sat

Er ist einer der interessantesten Filmregisseure unserer Zeit und wohl der radikalste. „Die Filme, die mich weitergebracht haben, waren immer Filme, die mich verunsichert haben.“ Der Regisseur und Autor Michael Haneke verlangt viel von seinen Zuschauern, er mutet ihnen das Denken zu, weil er sie nicht für verblödet hält, sondern höchstens für abgebrüht. In jedem seiner Filme gibt es mindestens eine derart schockierende Szene, dass man den Saal verlassen möchte. Damit versucht Haneke immer wieder, dem Schrecken etwas von seiner Realität wiederzugeben.
In „Funny Games“ (1997) quälen zwei junge Männer eine Familie aus purer Lust an Grausamkeit zu Tode. In der „Klavierspielerin“ (2001), eine Adaption von Elfriede Jelineks Roman, prallen bürgerliche Leistungsansprüche mit sexuellen Abgründen zusammen. Und in „Caché“ (2005) wird ein Ehepaar mit anonym zugesandten Videos terrorisiert bis ein verdrängtes Kindheitserlebnis zum Vorschein kommt. Hanekes großes Thema ist die Gewalt – in den Medien in der Konsumgesellschaft, der er als Regisseur den Spiegel vorhält.
Der Sohn der Burgschauspielerin Beatrix von Degenschild und des Regisseurs und Schauspieler Fritz Haneke wurde 1942 in München geboren. Aufgewachsen ist er bei der Familie seiner Mutter in ländlicher Idylle in Niederösterreich. Mit 17 bewarb er sich zur Schauspielausbildung am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, erhielt aber keine Zulassung. Auch den Berufswunsch Konzertpianist ließ er fallen. Stattdessen schrieb er sich nach dem Abitur an der Universität für die Fächer Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften ein. Während des Studiums, war er ständig im Kino und als Film- und Literaturkritiker tätig. In dieser Zeit habe ich meine filmische Bildung erworben, sagt er.
Seit 1970 arbeitete er als freischaffender Regisseur und Drehbuchautor in Deutschland und debütierte kurz darauf auch als Bühnenregisseur. Beachtung fanden ein paar Jahre später der nach einer Ingeborg-Bachmann-Erzählung realisierte TV-Film „Drei Wege zum See“ (1976) und „Wer war Edgar Allan?“ (1984). Ende der 80er Jahre begann Michael Haneke seine Kino-Karriere mit der „Trilogie der emotionalen Vereisung“ („Der siebente Kontinent“, „Bennys Video“, „71 Fragmente einer Chronologie“) und machte sich als Gewaltkritiker einen Namen.
Seine große Liebe zur klassischen Musik von Jugendzeiten an brachte Haneke 2006 an die Bühne zurück. Zum 250. Geburtstag von Mozart hatte er sein Operndebüt mit „Don Giovanni“ an der Pariser Garnier-Oper.
Sein letzter Kinofilm ist ein Remake von „Funny Games“, das jetzt auch in die deutschen Kinos kommt. Er kopierte Einstellung für Einstellung von der deutschen Version aus 1997 und hoffte darauf, diesmal das Zielpublikum zu erreichen, das er schon vor zehn Jahren erreichen wollte – englischsprachige Gewaltkonsumenten.
Gero von Boehm begegnet Michael Haneke in Berlin, wo er zurzeit seinen nächsten Film vorbereitet.