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Die Stadt, von der die Russen träumen

Koproduktion: interscience film, NDR, ARTE, MFG, UGRA TV
25. Juli 2009, ARTE

Ein Dokumentarfilm von Pierre-Olivier François und Pierre Bourgeois

3000 Kilometer östlich von Moskau liegt Khanty-Mansiysk, Hauptstadt einer Region, die fast so groß wie Deutschland ist. 60 000 Menschen leben hier. Unter ihren Füssen schlummern 60% des russischen Erdöls, 7% der weltweiten Vorkommen. Eine Ressource, die reich und stolz macht, die Einwohner der Stadt und die Machthaber im fernen Moskau.

Vor vier Jahren haben Pierre-Olivier François und Pierre Bourgeois von dieser kleinen Stadt jenseits des Urals gehört. Sie sind hingeflogen. Der Ort, den sie entdeckt haben, liegt weit weg von der russischen und internationalen Öffentlichkeit, mitten in der Eiswüste Sibiriens. Ein Ort, der vor 15 Jahren kaum mehr als ein Dorf aus Holzhäusern war und nun zu einer Wohlstandsoase geworden ist. Eine Vitrine, in der Dimitri Medwedew die politische EU-Elite einlädt, wenn er ihr im Juni 2008 sein Traumsibirien zeigen will.

Der Film erstreckt sich von Juni 2007 bis September 2008. Fünf Reisen in eine ferne und fremde Welt, um über einen langen Zeitraum zu beobachten, wie das “schwarze Gold” diese Region und die hier lebenden Menschen verändert. Die Autoren haben Ärzte, Hebammen, Ballett-Tänzer, Rentierzüchter und Ölarbeiter kennen gelernt, die von ihren Zukunftsträumen und ihrem Alltag erzählen. Ein Alltag, der im Rhythmus der Ölförderung schwingt und von dem Reichtum, den er der Region beschert, bestimmt ist.

Der lokale Gouverneur verwaltet den Mammon und plant die Zukunft, paternalistisch und großspurig – und dennoch weitsichtig. Die Leute sollen kommen, weil es hier Arbeit gibt, aber sie sollen bleiben, weil sie sich hier wohl fühlen, sagt er und investiert in Kultur, Wohnungsbau, Familienplanung, Sport und Bildung. Er hat beim berühmten Architekten Sir Norman Foster einen Wolkenkratzer bestellt. In diesem Niemandsland, wo acht Monate im Jahr das Thermometer minus 25 Grad anzeigt, entsteht eine neue Zivilisation.

Jahreszeiten, kleine und große Ereignisse wechseln einander mit dem Alltag der Menschen vor Ort ab. Während des Drehs fanden in Khanty-Mansiysk die Schachweltmeisterschaft, ein EU-Russland-Gipfel und die große Feier zur Förderung der 9. Milliardsten Tonne Erdöl statt. Auch hier wurde im März 2008 der neue russische Präsident gewählt, auch hier bewegte die Menschen der Krieg im fernen Georgien. Der Sommer war kurz und der Schulanfang kam zu früh. Viele Kinder wurden geboren in dieser Region, die als einzige in Kern-Russland eine positive Geburtenrate aufweist.

Der Film erzählt nahe an den Protagonisten und hält doch, wie ein Reisetagebuch, eine gewisse Distanz zu diesem anderen Russland, den ein kleines Mädchen stolz “das zweite Moskau” nennt.Dieser Ort weist mit seinem außergewöhnlichen Wohlstand auf die zahlreichen Probleme hin, die das Leben im übrigen Russland bestimmen. Khanty-Mansiysk ist eine eigene Welt. Hier geraten die Mythen des Westens in Bezug auf Russland und Sibirien aus den Fugen. Hier wird eine eigenartige Mischung aus Staatskapitalismus und sowjetischen Ritualen praktiziert.

Khanty-Mansiysk ist vielleicht die Stadt, von der die Russen träumen und eine Metapher für die Zukunft des Landes – ob wir diese mögen oder nicht.