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Precht: Wozu braucht der Mensch Religion?

interscience film im Auftrag des ZDF
12. November 2017, 23.55 Uhr, ZDF

Richard David Precht im Gespräch mit Seyran Ates.

Wie unsere Gesellschaft mit dem Glauben umgeht, welchen Einfluss Christentum und Islam auf unsere Gesellschaft haben, darüber spricht Richard David Precht mit der Anwältin, Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ates.

Spätestens seit Seyran Ates in Berlin eine liberale Moschee eröffnete, in der Frauen und Männer, Sunniten, Schiiten und Moslems aller anderen islamischen Glaubensrichtungen friedlich nebeneinander beten, erhält sie Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Ganz offensichtlich wehrt sich die konservative Mehrheit der Moslems gegen jeden Versuch, einen liberaleren Islam zu etablieren. Kleidungs- und Ernährungsvorschriften, ungleiche Behandlung von Mann und Frau und eine Rechtsschule, die nicht selten über weltliche Rechtssysteme gestellt wird, lassen den Islam immer wieder mit modernen Gesellschaftsformen kollidieren.

Aber muss sich eine Religion, um nicht einen Großteil ihrer Anhänger und ihrer Bedeutung zu verlieren, nicht eher durch kompromisslose Orthodoxie konservieren, fragt Richard David Precht. Oder rette am Ende nur die weltoffene, zeitgemäße Interpretation einer Religion die Spiritualität einer Gesellschaft? Gäbe es gar einen Mittelweg fragt Precht.

Christentum, Judentum oder Islam – alle Religionen mit schriftlichen Überlieferungen haben das gleiche Problem: Darf man Schriften wie Bibel und Koran zeitgemäß interpretieren oder sind sie wortwörtlich zu nehmen? Precht und Ates fragen sich, ob sie eins zu eins oder als gleichnishafte Anleitung zu verstehen sind.

Seit dem 19. Jahrhundert schwindet die Bedeutung der Religion in den westlichen Gesellschaften mehr und mehr. Und selbst die meisten Menschen, die sich als Christen bezeichnen, glauben nicht, dass die Bibel eine wortwörtlich zu verstehende Wahrheit enthält. Dazu akzeptieren sie, dass nicht die Religion, sondern die Menschenrechte, die demokratische Verfassung und der Rechtsstaat die Spielregeln des Zusammenlebens festlegen. Für viele Menschen, die aus dem islamischen Kulturkreis nach Deutschland gekommen sind, ist das nicht ganz so selbstverständlich. Richard David Precht stellt sich die Frage: Wie müssen gläubige Menschen im aufgeklärten 21. Jahrhundert mit all diesen Aspekten umgehen? Und bis zu welchem Punkt muss man religiöse Traditionen und Handlungen respektieren? Muss es, kann es eine ethische Übereinkunft geben, die über religiösen Gesetzen und Regeln steht?