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Politik ohne Plan – Wer denkt an die Zukunft?

interscience film im Auftrag des ZDF
9. September 2013, 00.05 Uhr, ZDF


Richard David Precht im Gespräch mit Harald Welzer.

Die Politik aller westlichen Industrienationen, so scheint es, besteht heute aus kurzatmigen Entscheidungen. Man regiert „auf Sicht“. Aus Weltanschauung ist Opportunität geworden und aus langfristiger politischer Strategie wurde kurzfristige Taktik.

Zwei Wochen vor der Bundestagswahl bittet Richard David Precht den Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer in seine ZDF-Philosophiesendung „Precht“. Welzer konstatiert: Deutschland hat offensichtlich das Entwerfen seiner Zukunft verlernt. Eine solche Politik der Perspektivlosigkeit, die sich selbst passend als „alternativlos“ beschreibt, ist für den Bestsellerautor Welzer („Klimakriege“, „Selbst denken“) ein Symptom für Staaten, die ihren wirtschaftlichen und politischen Zenit überschritten haben. Kennzeichen dafür sei vor allem das Festhalten an alten Erfolgsmustern, das die Probleme noch vergrößere, weil es den Horizont für das Denken des Neuen verenge.

Dabei war das konsequente Hinarbeiten auf einen gesellschaftlichen Fortschritt das zentrale Projekt der Aufklärungsphilosophie bei Diderot, Kant und Hegel und mit ihr der ungeschriebene Verfassungsauftrag bürgerlicher Gesellschaften. Doch wo, fragt Richard David Precht, bleiben heute die konkreten Handlungsszenarien für eine Gesellschaft, die nicht mehr auf permanentes quantitatives Wirtschaftswachstum angelegt ist? Wer arbeitet zügig auf ein faires und risikoloseres Banken- und Finanzsystem hin? Wer hat eine Vision von einem künftigen Europa? Wie sieht es mit der Generationengerechtigkeit aus? Welcher Politiker orientiert sein Denken und Handeln an der Frage: Wie wollen wir in zehn oder zwanzig Jahren leben?

Angesichts des Mangels an zukunftsweisenden Ideen und Konzepten in der Politik  provoziert Harald Welzer mit der Forderung, bei der Bundestagswahl nicht mehr zu wählen, weil keine Partei zukunftsfähige Utopien mehr entwerfe. Außerdem stünden bei der Wahl ohnehin nicht jene Mächte und Machthaber zur Wahl, die tatsächlich die Geschicke unseres Landes nach ihren eigenen Interessen beeinflussen und gestalten würden. Precht und Welzer fragen: Ist die Zukunftskrise auch eine Demokratiekrise?