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Gero von Boehm begegnet… Volker Schlöndorff

02.02.2009, 22.25, 3sat

„Noch bevor ich in ein Atelier gekommen bin, habe ich 600 bis 700 Filme gesehen, habe begonnen, in der Welt des Films zu leben und zu denken.“ Volker Schlöndorff wird 1939 als Sohn eines Arztes in Wiesbaden geboren. Mit 16 Jahren geht er nach Frankreich. Zuerst auf ein Jesuiteninternat in der Bretagne, später studiert er in Paris politische Wissenschaften. Das künstlerische Handwerk lernt er von den Regisseuren Louis Malle, Jean-Pierrre Melville und Alain Resnais.
Volker Schlöndorff ist einer der Regisseure, die dem deutschen Film internationales Renommee verschafft haben. Das Interesse an Literaturverfilmungen prägt seine frühe Laufbahn. Das Drehbuch für seinen ersten Spielfilm „Der junge Törless“ (1965), nach einer Vorlage von Robert Musil, schreibt und verfilmt er mit Mitte zwanzig. Eigene Erfahrungen aus seiner Internatszeit fließen hier mit ein. Zusammen mit seiner ersten Frau, der Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Margarethe von Trotta schreibt er 1975 ein Stück politischer Filmgeschichte mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nach Heinrich Böll. Die Auseinandersetzung des Individuums mit der Gesellschaft ist immer wiederkehrendes Thema bei Schlöndorff-Verfilmungen. Sehr differenziert ist die politische Haltung, die er dabei einnimmt. 1980 erhält er einen Oscar für „Die Blechtrommel“ nach dem Roman von Günter Grass. Es ist der erste für einen deutschen Film seit 1927. Für mehrere Jahre lebt und arbeitet Schlöndorff danach in den USA. Arthur Millers Bühnenwerk „Tod eines Handlungsreisenden“ dreht er mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle.
Nach dem Fall der Mauer kehrt er nach Deutschland zurück, „weil es jetzt richtig aufregend in Berlin sein muss.“ Außerdem ist er der Meinung, dass er es nie nach Hollywood geschafft hätte, weil er ein typischer europäischer Intellektueller ist. 1991 verfilmt er Max Frischs „Homo Faber“. Die Arbeit mit Frisch, der kurz bevor der Film in die Kinos kommt stirbt, schildert Schlöndorff als besonders intensiv.
Fünf Jahre lang arbeitet Schlöndorff als Geschäftsführer für die Erhaltung der ehemaligen UFA/DEFA-Studios in Babelsberg und deren Umwandlung in eine moderne Medienstadt. Die Doppelfunktion als Manager und Regisseur war für ihn auf Dauer aber nicht machbar und er widmet sich ganz der künstlerischen Arbeit. Er führt wieder Opern- und Theaterregie und findet neue Filmstoffe. 2007 wird ihm zum ersten Mal von einem Produzenten die Regiearbeit gekündigt, weil er öffentlich vor den neuen Mischformen von Film und Fernsehen gewarnt hatte. Die plötzlich frei gewordene Zeit nutzt er für seine Memoiren. Zahlreiche Tagebücher, die er seit den 1960er Jahren geführt hatte, waren die Grundlage für die Autobiografie „Licht, Schatten und Bewegung“, die kürzlich erschienen ist.
Und er ist noch immer auf der Suche nach dem großen zeitgenössischen Film, über Ost und West, über Arm und Reich. Gero von Boehm trifft sich mit Volker Schlöndorff in Potsdam, wo der Regisseur und Marathonläufer mit seiner Familie wohnt.