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Die 100. Sendung: Gero von Boehm begegnet… Peter Handke

26.05.2008, 22.25, 3sat

In der 100. Sendung seiner 3sat-Gesprächsreihe spricht Gero von Boehm mit dem Schriftsteller Peter Handke. Er besucht ihn in Chaville bei Paris und unternimmt mit dem der Natur sehr Verbundenen einen Spaziergang durch die Wälder der Umgebung.
Das Hingezogenfühlen zur Natur entstammt der Kindheit des Schriftstellers. Die Landwirtschaft des Großvaters, der Slowene war, betrieb vorwiegend seine Frau mit den fünf Kindern. Handkes Mutter war die jüngste Tochter. Auch Peter Handke erinnert sich später „an den Feldweg in der Sommermorgen-Dämmerung, wo er mit dem Großvater zum Viehfutterschneiden ging“.
Seine Kindheit allerdings beschreibt Peter Handke als ganz und gar nicht schön oder idyllisch, „ich hatte eine freie, karge, bedürftige, sehnsüchtige Kindheit“, sagt er.
Geboren wurde Peter Handke am 6. Dezember 1942 in Griffen-Altenmarkt im österreichischen Kärnten. Noch vor seiner Geburt heiratete seine Mutter Maria den Soldaten und Berliner Straßenbahnschaffner Bruno Handke, sein leiblicher Vater, ebenfalls ein deutscher Soldat, war schon verheiratet. Dass er einen Stiefvater hat, sagte ihm seine Mutter erst als er erwachsen war. Die Ehe der Eltern war schwierig, der Stiefvater fühlte sich fremd in Österreich und trank. Seine Mutter litt an Depressionen und nahm sich 1971 das Leben.
Handkes erster Text soll von seinem Großvater gehandelt haben, der im Obstgarten einen Baum pflanzte, nicht für sich, wie er meinte, sondern für seine Nachkommen. Seinem Deutschprofessor, der die literarische Begabung von Peter Handke erkannte und ihn ermutigte, legte er 1958 erste Arbeiten vor.
Nach der Schulzeit in Griffen, später in einem Knabeninternat und im ersten Bundesgymnasium in Klagenfurt, ging Peter Handke 1961 zum Studium nach Graz. Das Jurastudium, von dem er sich die meiste freie Zeit zum Schreiben versprach, brach er 1965 ab, nachdem der Suhrkamp Verlag sein Romanmanuskript „Die Hornissen“ angenommen hatte.
Mit 22 Jahren versprach Peter Handke seiner Mutter: „Mach Dir keine Sorgen, ich werde weltberühmt“ und sein Einstieg als Schriftsteller war furios. 1966 wurde in Frankfurt/Main seine „Publikumsbeschimpfung“ aufgeführt und im selben Jahr warf Handke in Princeton den Autoren der legendären „Gruppe 47? unter anderem „Beschreibungsimpotenz“ vor. Diese Skandale unterstützten den beginnenden literarischen Erfolg Handkes.
Schwerpunkte seines Schaffens waren und sind die Reflexion über Sprache, das Verhältnis von Ich und Welt wie auch der individuelle Selbstfindungsprozess. Handke lehnte sich auf gegen herrschende Systeme, nahm die erdrückenden Rollenzwänge kleinbürgerlicher Existenzen ins Visier ohne sich vom gesellschaftskritischen Impuls der sogenannten 1968er vereinnahmen zu lassen.
Neuere Theaterstücke von Handke inszenierte mit Vorliebe der Intendant und Regisseur Claus Peymann, wie zum Beispiel „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, ein zweistündiges sprachloses Schau-Spiel, in dem sich nur ein Kommen und Gehen von Alltagsmenschen, aber auch mythischen und biblischen Figuren ereignet.
In die Kritik geriet Peter Handke in den letzten Jahren immer wieder mit seinen Streitschriften, Reiseberichten oder Interviews zum Balkankrieg. Wie schon 1991 seine harsche Absage an die Loslösung Sloweniens aus dem jugoslawischen Staatsverband für Aufsehen sorgte, wurde auch seine Parteinahme für Serbien in den folgenden Jahren kritisch bewertet und verurteilt. Erneute hitzige Debatten löste 2004 sein Gefängnisbesuch bei dem in Den Haag vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagten jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic aus und sein Auftritt als Redner bei dessen Beerdigung im März 2006.
Sein gerade erschienenes Buch „Die morawische Nacht“, handelt von einem Autor, der das Schreiben schon vor Jahren eingestellt und nun die Freunde seines Lebens auf sein Hausboot am Ufer der Morawa, einem Zufluss der Donau in Serbien, eingeladen hat, um ihnen eine Geschichte zu erzählen. Kritiker sehen es als selbstironische Bilanz und als großes Zaubermärchen seines Lebens aber auch als einen Abschied von seinem Traum Jugoslawien.