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„Denken live“

Interview mit Regisseur Gero von Boehm.

Mit „Wortwechsel“ und „Gero von Boehm begegnet …“ haben Sie viele Jahre bekannte Persönlichkeiten interviewt. Nun stehen Sie bei „Precht“ als Regisseur quasi hinter der Kamera. Wie fühlt sich dieser Perspektivwechsel für Sie an?

Es ist eigentlich kein Wechsel. Interviews werde ich auch in Zukunft machen. Und die Arbeit hinter der Kamera als Regisseur und Produzent war ja immer meine Hauptbeschäftigung. Aber hier fließen beide Erfahrungen zusammen, und es ist eine Freude, vor diesem Hintergrund ein wirklich neues Format entwickeln und auf den Weg bringen zu können.

Bei „Precht“ sollen im Dialog mit bekannten Persönlichkeiten philosophische Themen entwickelt werden. Welche Erwartungen verbinden Sie mit diesem Format?

Wir werden sowohl prominente Gäste haben als auch solche, die wir mit ihren ungewöhnlichen Gedanken und Thesen einem breiten Publikum bekannt machen wollen. Richard David Precht ist kein Moderator im klassischen Sinn, sondern ein erstklassiger Vermittler, der mit seinem Gast – es wird immer nur einer sein, ausnahmsweise auch einmal zwei – auf Augenhöhe diskutiert. Das ist neu im deutschen Fernsehen. Das Resultat werden funkelnde Dialoge sein, die nicht nur neue, spannende Erkenntnisse bringen, sondern den Zuschauer auch zum Weiterdenken anregen sollen.

In der neuen Sendung greifen Sie sich grundsätzliche Themen des Alltagslebens heraus um sie philosophisch zu behandeln. Was ist das Leitmotiv Ihrer Themenauswahl?

Es sind die Themen, die uns allen unter den Nägeln brennen, sich aber philosophisch aufschlüsseln lassen und auf diese Weise oft in ganz neuem Licht erscheinen. Wir fangen da an, wo die klassische Talkshow aufhört. Dazu gehört es auch, Begriffe, die uns alle betreffen und mit denen wir täglich ganz selbstverständlich umgehen, zu hinterfragen. Dabei können durchaus aktuelle Entwicklungen – beispielsweise die Bildungsmisere oder die Schuldenkrise – eine Rolle spielen.

Die gestalterische Umsetzung arbeitet mit einem nächtlichen Hintergrund und einem über dem Gesprächstisch hängenden modernen Kronleuchter, die die Aufmerksamkeit auf die beiden Gesprächspartner lenkt. Warum haben Sie diese minimalistische Studiodeko gewählt?

Weil Konzentration auf das Wesentliche, auf die Essenz, ganz im Vordergrund steht. Es ging mir bei dem Design-Konzept tatsächlich ums Weglassen. Keine Teakholz-Sideboards mit Fruchtschalen, keine Sitzgruppe, in der die Gäste „hängen“, kein Gasometer. Sondern ein zeitloser Raum, eine kleine „Denkfabrik“, filmisches Licht, viele Großaufnahmen. Es gibt doch kaum etwas Spannenderes als Menschen zuzuschauen, die in der Sekunde originelle Gedanken entwickeln und oft auch kontrovers diskutieren. Das kann wirklich großes Kino sein.

Welchen Aufwand bedeutet es, dieses minimalistische Szenario so attraktiv darzustellen?

Um im Hintergrund eine „Unendlichkeit“, jenen zeitlosen Raum, entstehen zu lassen, arbeiten wir mit einem Rundhorizont aus neuartigem Material. Darauf werden aus drei Hochleistungs-Beamern bewegte Elemente projiziert. Diese runden Elemente – ein wiederkehrendes Motiv in der Sendung – sind von uns real mit einer Arri Alexa-Kamera gedreht und dann bearbeitet worden. Der Kreis oder die Kugel sind ein interessantes Motiv: Jeder Punkt ist gleich weit vom Zentrum entfernt. Es gibt kein Vor- und Hintereinander, keinen Anfang und kein Ende. In der Natur ist der Kreis eine Ordnung, die sich im Spiel der dynamischen Kräfte als eine Art ldealform bildet.

Die prominenten Gesprächspartner von Richard David Precht sind in der Regel keine Philosophen. Es sind Personen des öffentlichen Lebens, die zu bestimmten philosophischen Themen des Alltags eine spezielle Position vertreten können. Soll die Auswahl der Gesprächpartner eher eine kooperativ oder reibend produktive Gesprächssituation erzeugen?

Alles ist möglich. Wir werden Politiker ebenso von einer ganz neuen Seite kennenlernen wie Wirtschaftsführer und Menschen aus dem Kulturbetrieb. Aber es wird auch der eine oder andere Philosoph zu Gast sein. Richard David Precht wird in jedem Fall für einen spannenden
Dialog sorgen – ob man Gedankenspiele im Einklang betreibt oder kontrovers, zeigt dann das jeweilige Gespräch. Es ist ja nichts geprobt. Denken live, sozusagen.

Die fachlich-philosophische Ausprägung ist bei „Precht“ anders angesiedelt, als dies beim „Philosophischen Quartett“ war. Zielen Sie mit der neuen Sendung auf ein anderes, breiteres Publikum oder wollen Sie dasselbe Publikum in einer anderen Form ansprechen?

Wir wollen alle ansprechen, die Spaß am Denken, Mitdenken und Weiterdenken haben – über Themen, die in der Luft liegen. Und wir haben, so glaube ich, dafür eine Form gefunden, die attraktiv ist. Wenn uns möglichst viele Zuschauer auf diesem Weg folgen, ist das Ziel erreicht.

Die Fragen stellte Magda Huthmann (ZDF).