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Precht: Populismus - Das Ende der Demokratie?

interscience film im Auftrag des ZDF
31. März 2019, 23.45 Uhr, ZDF

Richard David Precht im Gespräch mit Francis Fukuyama. 

Fukuyama glaubte nach dem Ende des Ostblocks an den endgültigen Sieg unserer Demokratien
und verkündete das „Ende der Geschichte“. Aber müsste man heute nicht eher vom Ende der
liberalen Demokratien sprechen?

Jeder denkt nur noch an sich und kaum jemand sichert das Gemeinwohl und den Zusammenhalt.
Hat die Idee des Nationalstaats ausgespielt, weil nur noch aggressive Nationalisten und
Populisten sie verteidigen, das fragt Richard David Precht seinen Gast Francis Fukuyama. Oder
können Nationen auch in Zukunft eine demokratische, alle Bürger vereinende Identität stiften?
Mit seinem gerade erschienenen Buch „Identität“ bietet Fukuyama eine neue, eher psychologische
Erklärung für den gegenwärtig um sich greifenden Populismus an.

Was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, ist zu einer der dringendsten Fragen
unserer Zeit geworden. Der globalisierte Kapitalismus und die Fixierung der Menschen auf ihre
eigenen individuellen Bedürfnisse haben dazu geführt, dass die Gesellschaften sich hinter
Gesinnungen, Ethnien, Religionsgemeinschaften oder Gendergroups versammeln, um die
eigenen Privilegien gegen Bedrohungen von außen zu verteidigen, so Precht. Akteure wie Trump
oder Orban, Vorgänge wie der Brexit oder die neu entfachten Auseinandersetzungen um Zölle
und geschlossene Grenzen beschwören die hässliche Seite des Nationalismus. Da verwundert es
umso mehr, dass Fukuyama die Idee der Nation nicht folgerichtig verteufelt, sondern gerade in
der Stärkung eines demokratischen Nationalgefühls das Gegenmittel zum Populismus entdeckt
zu haben glaubt. Fukuyama plädiert für eine offene Nation, in der alle Platz haben, in der aber
auch alle sich vorbehaltlos hinter den Staat und seine Verfassung stellen sowie gemeinsame
Werte teilen sollten.

Vor allem anderen, so Fukuyma, sehne sich der Mensch nach Anerkennung und einer greifbaren
Identität. In Anlehnung an Platon interpretiert er die Empörung von Trump-Wählern, Pegida-Anhängern
oder Brexit-Befürwortern als eine Reaktion auf den Verlust der eigenen Identität. Es sei
weniger die soziale Ungleichheit oder der kaltherzige Neoliberalismus, der die Menschen
gegeneinander aufbringe, als der Verlust der eigenen Würde, schreibt Fukuyama. Ganze
Bevölkerungsschichten fühlten sich von der etablierten Politik nicht beachtet und nahezu
„unsichtbar“. Bürgerinnen und Bürger, die um ihren Mittelschichtsstatus fürchteten. Doch ist diese
Identitätskrise, so hält Richard David Precht dagegen, nicht eben nur das Symptom eines alles
fressenden Turbokapitalismus?

Francis Fukuyama wurde 1952 in Chicago geboren, ist der Enkel japanischer Einwanderer
und wuchs in New York auf. Er studierte Politische Philosophie an der Cornell Universität in
Ithaca und Vergleichende Literatur in Yale, machte in Harvard seinen Abschluss in
Politikwissenschaften und war in den Jahren zwischen 1979 und 1996 für den Thinktank
der RAND Corporation tätig. In diesen Jahren arbeitete er auch für die amerikanische
Regierung. Zwischen 1996 und 2000 hatte er eine Professur für Regierungslehre an der
George-Mason-Universität in Washington inne. Bis 2010 war er Professor für Internationale
Politische Ökonomie an der John-Hopkins-Universität.

Fukuyama gilt als liberaler Vordenker, weltweit Furore machte er mit seinem 1992
veröffentlichten Buch „Das Ende der Geschichte“. Darin benutzt Fukuyama die Hegelsche
Dialektik, um zu zeigen, wie sich die Weltgeschichte folgerichtig auf eine Schlussphase
zubewegt hat. Spätestens im Zerfall der kommunistischen Diktaturen glaubte er den
systemischen Sieg der liberalen Demokratien ausmachen zu können.

In seinem aktuellen Buch „Identität – Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie
gefährdet“ (2019) setzt er sich unter anderem mit der Kritik an seinem Buchtitel „Ende der
Geschichte“ auseinander. Überrascht vom Wahlerfolg Donald Trumps und den
populistischen Tendenzen in Europa sucht er zudem eine Erklärung dafür, warum die von
ihm so endgültig siegreich beschriebene Demokratie nun doch in Gefahr geraten konnte.

Fukuyama lehrt gegenwärtig als Senior Fellow an der Stanford Universität.