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Alfred Grosser – Mein Leben

18. Februar 2006, 17.45 Uhr, ARTE

Eine Dokumentation von Gero von Boehm

Er wurde in Frankfurt am Main geboren, ist aber Franzose durch und durch. Ursprünglich jüdischer Abstammung, gilt er als scharfer Kritiker der israelischen Politik. Er ist Professor mit Leib und Seele, aber Wissensvermittlung ist für ihn nicht alles: Alfred Grosser, Publizist und Politologe, fühlt Deutschland und Frankreich gleichermaßen auf den Zahn.

Alfred Grosser gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten im deutsch-französischen Dialog. Als Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler überrascht er durch verblüffende Denkansätze und seine schonungslose Offenheit. So prangert er die israelischen Repressionen gegen die Palästinenser an und drängt in seinem Heimatland Frankreich auf die Aufarbeitung schwarzer Flecken in der Geschichte, etwa die Gräuel des Algerienkrieges. Er sieht sich als „Sohn der Aufklärung“ – Bildung bedeutet ihm demnach, andere zu respektieren, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und die gesellschaftliche Verantwortung für sozial Schwächere wahrzunehmen. Obwohl Alfred Grosser zurückgezogen in Paris lebt, hat er Gero von Boehm Einblicke in sein Privatleben gewährt. Zusammen besuchen die beiden wichtige Orte aus Alfred Grossers Leben, unter anderem seine ehemalige Schule in Saint-Germain-en-Laye. Auch bei einer Vorführung des Films „Der Untergang“ für französische Schüler konnte Gero von Boehm den großen Publizisten beobachten. Erinnert sich Alfred Grosser noch an seine Frankfurter Kindheit? Wie fühlte er sich, als er nach seiner Emigration aus Deutschland plötzlich an einer französischen Schule weiterlernen sollte? Wie sah seine Arbeit für die Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg aus? Und woher kommt seine Leidenschaft für Musik?
Das deutsch-französische Verhältnis ist Alfred Grosser ein zentrales Anliegen: Er war acht Jahre alt, als seine Familie 1933 von Frankfurt aus nach Frankreich emigrieren musste. Der Vater, Professor für Kinderheilkunde, sah nach der „arischen Umstellung“ des von ihm geleiteten Kinderkrankenhauses in Frankfurt für seine Familie keine Zukunft mehr. In Frankreich besuchte Alfred Grosser die Schule in Saint-Germain-en-Laye, studierte in Aix-en-Provence und Paris Germanistik und Politik, promovierte und habilitierte sich. Während des Krieges schloss er sich der Résistance an, wenn auch nicht als kämpfendes Mitglied. Schon ab 1948 war Alfred Grosser um die deutsch-französische Verständigung bemüht. Er leitete Sendungen für die deutsche Jugend im französischen Rundfunk. 1959 heiratete er und wurde Vater von vier Söhnen. Noch heute sieht er sich als einen der Väter der deutschen Demokratie – durch die Einflussnahme von außen. Bis 1967 war er Generalsekretär des „Comité français d’échange avec l’Allemagne nouvelle“. Gleichzeitig startete er seine Karriere als Professor an verschiedenen Pariser Hochschulen, unter anderem an der Sorbonne. Obwohl er seit 1992 emeritiert ist, liegen ihm seine Studenten immer noch sehr am Herzen. Diesen will er nicht nur die Politikwissenschaften nahe bringen, auch ethische Fragen und Probleme gehören für Alfred Grosser zur Bildung. Als Kolumnist für „Le Monde“, „Libération“ und „L’Express“ lag ihm daran, diese Werte auch publizistisch zu vermitteln. Als überzeugter Atheist schrieb er sogar in der katholischen Tageszeitung „La Croix“ – den Aufsichtsrat des „Express“ verließ er aus Protest gegen unausgewogene Berichterstattung über den Nahost-Konflikt. Alfred Grosser ist nicht nur Grand Officier der Ehrenlegion, sondern auch im Besitz des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband. Er erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und viele andere Auszeichnungen. Anlässlich seines 80. Geburtstags am 1. Februar 2005 organisierte er in Paris ein Symposium über die Rechtsstaatlichkeit Frankreichs und Deutschlands – feiern hingegen lässt er sich nicht gerne.

Eine Produktion der macroscope film.